
Buchholz in der Nordheide. Menschen rutschen und schlittern über den Wochenmarkt. Eine dicke Schneeschicht bedeckt den Boden. Geräumt ist wenig. Es ist Samstagmittag, 3. Januar, und Buchholz versinkt ein bisschen im Schnee.
Rund 20 Zentimeter Schnee waren bis zum Samstagmittag gefallen und hatten die Stadt in eine Winterlandschaft verwandelt. Auf den Straßen drehten Autoreifen durch, Lastwagen blieben stecken, Busse rutschten von der Straße. Tagsüber hatte kaum jemand ein Streufahrzeug der Stadt gesehen.
Doch mitten in der Nacht um 00.30 Uhr gab es Bewegung: Die Innenstadt wurde gestreut, der Parkplatz neben der Empore geräumt. Die Aufregung folgte sogleich und zwar nicht nicht wegen des Schnees, sondern wegen seiner Beseitigung.
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Anwohner bemängelten, dass weite Teile des Stadtgebiets nicht ausreichend geräumt worden seien. Hauptverkehrsstraßen, Bus- und Rettungswege sowie Zufahrten zu sensibler Infrastruktur hätten sich in einem Zustand befunden, der keine ausreichende Verkehrssicherheit gewährleistet habe.
Zwischen 10 und 21.30 Uhr kein Streufahrzeug
Die Einsatzzeiten des städtischen Winterdienstes, die die Stadt auf Anfrage mitteilte, zeigen den Einsatz der Mitarbeiter. Am Freitag, 2. Januar, waren die Mitarbeiter des Kommunalbetriebs von 6.30 bis etwa 15 Uhr im Einsatz, dann erneut von 23 bis 10 Uhr morgens am Samstag.

Ab 21.30 Uhr am Samstagabend rückten die Räumfahrzeuge wieder aus bis 11.30 Uhr am Sonntag. Das bedeutet: Zwischen etwa 10 Uhr morgens und 21.30 Uhr abends am Samstag fand offenbar kein Winterdienst statt. Genau in diese Zeit findet der Wochenmarkt statt, der auf Fotos völlig ungeräumt zu sehen ist.
„Alle verfügbaren Kräfte im Einsatz”
Stadt-Pressesprecher Oliver Sander verteidigt das Vorgehen der Stadt. „Alle verfügbaren Kräfte waren im Einsatz”, sagt er. Die Stadt wehre sich gegen den Vorwurf, nur ein Mitarbeiter sei im Dienst gewesen. Wie viele Mitarbeiter tatsächlich unterwegs waren, teilte die Stadt aber auf Nachfrage nicht mit.
Man sei relativ früh beim Wochenmarkt gewesen und habe gestreut, aber es habe immer wieder geschneit. Die Mitarbeiter müssten auch Ruhe- und Lenkzeiten einhalten, bei schweren Lastwagen könne man nicht zwölf Stunden durchfahren. Pro Einsatz würden im Schnitt 30 Tonnen Salz verteilt, erklärt der Pressesprecher. Für die Bundesstraßen und Kreisstraßen sei die Stadt ohnehin nicht zuständig.
50 Prozent mehr Patienten, aber erst am Montag
Doch wie sehr wirkte sich der Schneefall tatsächlich auf die Stadt aus? Im Krankenhaus Buchholz zeigte sich ein moderater Anstieg bei den Patientenzahlen. Dr. Marco Dominick, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme, berichtet von einem leicht gestiegenden Aufkommen unfallchirurgischer Patienten. Dieses sei am Wochenende nur um etwa 20 Prozent erhöht gewesen.
„Am Montag gab es 50 Prozent mehr Patientenaufkommen”, sagt er. Behandelt wurden nicht nur Glatteisunfälle, sondern auch alle möglichen anderen Sturzfolgen. Der zeitliche Versatz erklärt sich dadurch, dass viele Menschen zunächst abwarteten. „Viele sind nach Sturz am Wochenende auch erst am Montag ins Krankenhaus gekommen”, sagt Dominick.
Die Feuerwehr war über den Tag verteilt zu rund 20 winterlichen Einsatzstellen alarmiert worden. In mehreren Stadtteilen drohten Äste und Bäume auf Straßen zu stürzen oder lagen bereits auf Fahrbahnen. Die Schneelast hatte Bäume und Äste beschädigt.
Nur drei Unfälle im Stadtgebiet
Den deutlichsten Kontrast zwischen gefühlter und tatsächlicher Lage liefert die Polizei. Die Polizei Harburg verzeichnete am Samstag im Stadtgebiet lediglich drei Winterunfälle. Jan Krüger von der Polizei beschreibt die Vorfälle: Ein Fahrzeug bog ab und touchierte leicht ein Fahrzeug auf der Gegenfahrbahn.
Ein weiteres Auto rutschte beim Anfahren gegen einen parkenden Wagen. Und ein Auto verlor seinen Spiegel beim Kontakt mit einem Streufahrzeug.
Es gibt immer noch Menschen, die mit Sommerreifen fahren
Aber die Leute würden den Schnee wahrnehmen und die meisten hätten sich angepasst. „Es gibt aber immer noch Autofahrer, die mit Sommerreifen auf dem Auto unterwegs sind. Manche überschätzen sich und ihr Fahrzeug auch einfach”, sagt der Polizeisprecher. Es möge mehr Blechschäden gegeben haben, bei denen die Polizei nicht gerufen worden sei und die Beteiligten das untereinander abgestimmt hätten. Ein Unfallchaos habe es aber nicht gegeben.
Doch die subjektive Wahrnehmung vieler Buchholz war eine völlig andere. Die Entrüstung in den sozialen Medien gab es fast sofort nach den ersten Schneeflocken.
Zweite Kritikwelle wegen ungeräumter Gehwege
Eine zweite Welle der Kritik folgte, nachdem die Straßen wieder frei waren. Auf den Gehwegen herrsche weiterhin Chaos, beklagten Anwohner. Auf einzelnen Gehwegen könne man zwar Spuren von Fahrzeugen der Gemeinde erkennen.
Aber der Schnee sei nicht weggeschoben worden wie auf den Straßen, sondern nur Salz sei gestreut worden. Das sei kontraproduktiv. Man wate jetzt durch Matsch und tue sich schwer vorwärts zu kommen. Auch Fußgänger hätten ein Recht auf Räumung der Fußwege, insbesondere wenn es stadteigene seien.
Für geräumte Fußwege sind fast überall in der Stadt die Eigentümer der angrenzenden Grundstücke zuständig. „Dies wird nach Verfügbarkeit kontrolliert und die Eigentümer entsprechend aufgefordert, ihren Pflichten nachzukommen”, erklärt Sander. Für die Fußgängerzone in der Innenstadt ist die Stadt zuständig.
Stadt räumt Verbesserungsbedarf ein
Die Stadt erhielt zahlreiche Anrufe. „Die meisten in normalem Ton, teilweise aber auch ausfallend mit verbalen Beleidigungen”, berichtet Sander über die Reaktionen. Beschwerden über den Winterdienst seien kein neues Phänomen, das habe es schon immer gegeben, sagt der Pressesprecher.
Die Stadt selbst sei zufrieden mit dem Einsatz des Winterdienstes, sagt Sander. Er räumt aber ein: „Nicht alles ist top gelaufen, wir schauen, wo wir optimieren können.”
Die Vorbereitung könnte schneller nötig sein als gedacht. Für die kommenden Tage wird bereits wieder Schneefall erwartet. Die Buchholzer werden genau hinschauen. (JOTO)










